Friedhofscafés: „Café Strauss“ und „Café Finovo“

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Foto: Café Strauss (Radio Bremen, WDR)

Der schöne rote Ziegelbau nahe der Kreuzberger Bergmannstraße stand lange leer, die Aufbahrungshalle des Friedrichwerderschen Friedhofs wurde nicht mehr gebraucht. Dabei laden die säulenbewehrte Terrasse und die sprichwörtliche Ruhe geradezu ein, sich hier in die Nachmittagssonne zu setzen.

Das Café Strauss hat im Mai 2013 eröffnet. Es ist neben dem Café Finovo in Schöneberg das zweite Friedhofscafé der Stadt Berlin. Die Betreiber Olga und Martin Strauss haben das Friedhofsgebäude als Café eingerichtet. Zuvor hatte Martin Strauss in einem der Verwaltungsgebäude seinen Arbeitsplatz. Er ist Architekt und Baubetreuer des kirchlichen Verwaltungsamts. Die vier Friedhöfe auf 20 Hektar Fläche machen diesen Abschnitt der Bergmannstraße ungewöhnlich ruhig. Im Gästebuch hat einer der Eröffnungsgäste das Café Strauss als „eine Oase der Ruhe“ in der Bergmannstraße bezeichnet. Alle Seiten profitieren von der Idee: Die Cafégäste genießen die friedliche Stille und der Friedhof kann ein bisschen Leben gut gebrauchen.

Friedhofscafés sind im Kommen. Jenseits der Gaststätten, die Trauergemeinden nach der Beisetzung mit Kaffee und Butterkuchen trösten, öffnen Lokale, die sich als ständige Begegnungsstätte verstehen oder als Treffpunkt in einer Oase der Ruhe. Nicht nur für Trauernde und Hinterbliebene, die gerade am Totensonntag die Gräber besuchen. Auch Spaziergänger und Touristen kommen regelmäßig in die Friedhofscafés.

„Es gab ganz wenige Menschen, die um die Totenruhe ihrer Angehörigen fürchteten“, sagt Martin Strauss. Viele Friedhofsbesucher kämen gern, manche fragten schon nach Grabplätzen in Sichtweite der Caféterrasse, erzählt er. Das Strauss „schafft eine wunderbare Verbindung zwischen der Welt der Lebenden und der Toten. Es hilft“, hat ein Gast ins Gästebuch geschrieben.

„Du musst Teil des Ganzen sein, anders kann ein Friedhofscafé gar nicht funktionieren“, sagt Bernd Boßmann. Der 53-jährige Berliner Schauspieler und Schwulenaktivist hat früher unter dem Künstlernamen Ischgola Androgyn mit dem Regisseur Rosa von Praunheim Filme wie „Ich bin meine eigene Frau“ gedreht. Mit dem Finovo war er der erste Friedhofscafégründer der Hauptstadt. 2003 entdeckte er das leer stehende Gebäude auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Schöneberg, 2006 eröffnete er das Café.

„Es wird immer derer gedacht, die gestorben sind“, sagt er. „Man sollte aber auch an die denken, die den Friedhof pflegen und besuchen.“ Die Lebenden hätten Bedürfnisse, brauchten etwas zu essen und zu trinken, eine Toilette und vor allem Kommunikation. Heute springen die Gespräche von Tisch zu Tisch über, zwischen Trauernden und Nicht-Trauernden. „Es gibt viel Bedarf für Menschelndes“, sagt Boßmann.

In Berlin sollen demnächst mindestens drei weitere Friedhofscafés entstehen, etwa auf dem St. Thomas-Friedhof in Neukölln oder dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof in Mitte. Jürgen Quandt vom Friedhofsverband kann sich vorstellen, dass sie immer dort eröffnen, „wo schöne, alte Friedhöfe gut gelegen sind“. Und wo es Besucher gibt, die sich an Grabesstille in der Großstadt freuen.

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